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19:34:07 11.07.2016 gepostet von Administration um 19:34:07 11.07.2016
Unordnung im Tinguely Museum Basel

Wer in Basel in Sachen Kunst und Kultur unterwegs ist, kommt am Tinguely Museum nicht vorbei. Das rötliche Sandsteingebäude nahe dem Rheinufer wurde Mitte der neunziger Jahre vom Schweizer Architekten Mario Botta unter der Schirmherrschaft der Firma Roche erbaut. Im Innern bieten zwei Stockwerke reichlich Platz für Kunstwerke jeder Form und Grösse. Im Untergeschoss lädt eine lichtdurchflutete Cafeteria zum Verzehr von Kaffee und Kuchen ein.

Out of Order

Das Erdgeschoss gehört derzeit ganz dem englischen Künstler Michael Landy, dessen erste Retrospektive „Out of Order“ diesen Sommer gezeigt wird. Am letzten Ausstellungstag, dem 25. September, feiert das Museum Tinguely das Jubiläum seines zwanzigjährigen Bestehens mit einem „Special Out of Order Day“.

Michael Landy - der Konsum-Rebell

Michael Landy, der aus einer einfachen Arbeiterfamilie stammt, erregte mit seiner Objektkunst erstmals Ende der achtziger Jahre Aufmerksamkeit in der britischen Kunstszene. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern der „Young British Artists“ Generation, zu denen auch Damien Hirst und Stephen Park gehören. International bekannt wurde er spätestens durch seine Aktion „Breakdown“ im Jahre 2001, in der ein sein gesamtes Hab und Gut restlos zerstörte inklusive aller Kleider, Geburtsurkunde und Reisepass. Seinen eigenen Worten zufolge kam dieser anarchische Akt einer Nahtod-Erfahrung gleich. Er war danach so hoch verschuldet, dass er mehrere Jahre brauchte, um sich finanziell zu erholen. Auch künstlerisch war der Konsum-Rebell an einem toten Punkt angekommen. In der Werkschau „Out of Order“ zu sehen sind eine Reihe von Bleistiftzeichnungen, auf denen Kräuter und Wiesenpflanzen zu sehen sind, ähnlich einem gezeichneten Herbarium. Hier hat Landy sein Wiederaufblühen vom Punkt null künstlerisch zum Ausdruck gebracht.

Fesseln des Kapitalismus

In seinen Werken beschäftigt sich Landy zumeist mit existentiellen Fragen wie der Rolle des Individuums in der Gesellschaft oder der kritischen Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Deutlich ist das auch in den Hallen des Tinguely Museums spürbar. Eine Kreditkartenzerstörungs-Maschine lädt den Zuschauer dazu ein, sich vom schnöden Mammon und aus den Fesseln des Kapitalismus zu befreien. Ein durchaus verlockendes Angebot. Ob die bunte Ansammlung von Plastikkarten-Resten am Fuss der Maschine vom Künstler dort drapiert wurde oder Zeuge von Befreiungsschlägen diverser Museumsbesucher ist, bleibt das Geheimnis der skurrilen Skulptur.
 



 

Simpel im Aufbau, aber dennoch tiefgründig ist die Installation von leeren Gemüseständen, die mit grünem Stoff bespannt sind - ein Teil von Landys erster Ausstellung „Market“. Die große karge grüne Fläche ist ein perfektes Symbol für die Leere, die in der westlichen Welt entstehen würde ohne die vielen bunten Waren, die uns rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Gleichzeitig kann die grüne Farbe des Filzes auch als Symbol für die Natur gesehen werden, pur und unberührt von Konsum und Warenhandel. Für akustische Untermalung sorgt ein sprechender Einkaufswagen, gefüllt mit unzähligen bunter Billig-Artikel und gekleidet in Schilder, die die Reduzierung der Ware und den absoluten Ausverkauf anpreisen. Fast bekommt man Mitleid mit den Waren, die hier so billig verhökert werden, dass nicht mal ein Mensch, sondern ein Tonband sie dem Besucher anpreist.


Laurentius von Rom wird gegrillt

Auch die Themen Politik und Religion fliessen in Landys kreatives Schaffen ein. Auf eine Wand voller politischer Slogans und Werbebotschaften hat es sogar eine umstrittene Karikatur einer rechtspopulistischen Schweizer Partei gebracht. Mitten im Saal steht eine Eisenplastik aus Landys Ausstellungsreihe „Saints Alive“: Ein riesiger Mönch, dessen Rumpf aus Metallstreben und Zahnrädern besteht. An der Seite ragt ein Rost heraus. Eine Parallele zum heiligen Laurentius von Rom, der Geld der Kirche an die Armen verteilte und dafür im Auftrag von Kaiser Valerian auf einem glühenden Rost gefoltert wurde. Thematisch reiht sich diese Skulptur perfekt in Landys kapitalismuskritisches Schaffen ein. Der Mönch geisselt sich selbst. Ob und wie oft diese Geisselung stattfindet, kann der Besucher selbst entscheiden. Mittels eines Fuss-Schalters kann er die Maschine in Gang setzen. Der Rost beginnt zu glühen und eine Machete fährt auf das Haupt des Geistlichen nieder. Der Zuschauer schlüpft damit selbst in die Rolle des Hauptmanns, der die Folter ausführte. Spinnt man den Faden noch weiter und betrachtet man es unter dem Gesichtspunkt, dass Laurentius die Geisselung selbst auslöste, indem er sich im Namen Gottes und der Menschlichkeit dem Kaiser widersetzte, kann das berühren des Fuss-Schalters auch einer anarchistischen Tat gleichgesetzt werden, ähnlich der Zerstörung der eigenen Kreditkarte.



 

Kunst zum Anfassen

„Out of Order“ mutet wie ein kleiner Erlebnispark an. Die Exponate zu berühren, Kunst haptisch zu erfahren, scheint nicht nur erlaubt, sondern erwünscht zu sein. Erwachsene und Kinder haben gleichermassen Freude an den farbenfrohen Skulpturen. Als Vorbild kann sicher Jean Tinguely selbst genannt werden, der ein grosses Idol von Michael Landy ist. Besonders die Installation „Homage to New York“ aus dem Jahre 1960, bei dem sich das Kunstwerk vor den Augen der Zuschauer selbst zerstörte, hat Landy zu diversen Werken inspiriert. Zu sehen ist „Homage to New York“ zusammen mit anderen Höhepunkten aus Tinguelys Leben und Schaffen in der retrospektiven Fotoschau im ersten Stock des Museums. Auch diverse Bilder und Plastiken des Künstlers können hier in der Dauerausstellung betrachtet werden. Darunter auch einige kinetische Plastiken, die auf Knopfdruck ein Eigenleben entwickeln. Das Spektrum ist gross: Von lauten, rasselnden Maschinen, die aus Teilen bestehen, die schon zur Zeit ihrer Entstehung antiquiert waren, bis zu Plastiken aus gegossenen Metallzylindern, die sich fast hypnotisch um die eigene Achse drehen. Eines von Tinguelys beeindruckendsten Kunstobjekten, die 140 qm grosse begehbare Maschine "Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia", ist zurzeit leider an das Düsseldorfer Museum Kunstpalast ausgeliehen, das noch bis Mitte August 2016 eine Retrospektive des Künstlers zeigt.



 

Eigene Kunst anfertigen

Im Erdgeschoss wartet neben dem Museumsshop noch ein besonderes Highlight: Der Zuschauer kann sich selbst ein Kunstwerk anfertigen – mit einer originalen Zeichenmaschine von Jean Tinguely. Je nach Auswahl und Position der Stifte und des Zeichenpapiers sind die Zeichnungen völlig unterschiedlich. Jedes Werk ist ein Unikat.
Wer sich an der Kunst satt gesehen hat kann seine Hirnwindungen im Solitude-Park direkt vor dem Museum auslüften. Hier stehen neben einigen vom Aussterben bedrohten Bäumen auch eine von Tinguelys bekannten Brunnenskulpturen und eine grosse Plastik entworfen und designt von seiner langjährigen Weggefährtin und Witwe Niki de Saint Phalle.

Bericht: Dietmar Paul
Fotos: Eveline Ketterer

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